Trauma und Seelsorge

Seelsorgerinnen und Seelsorger begegnen in ihrer Arbeit sehr häufig psychisch traumatisierten Menschen. Für sie ist es daher wichtig, über spezielle fundierte Kenntnisse zum Wesen und zur Phänomenologie psychischer Traumatisierungen und einer spezifischen traumazentrierten bzw. traumasensiblen Seelsorge zu verfügen. Auf dieser Seite finden Sie einige grundlegende Informationen zu diesem Thema.


Trauma im Fokus

Seit den 1990er Jahren hat sich der Trauma-Begriff immer stärker verbreitet. Ein Meilenstein stellt dabei sicherlich die bis heute klassische Arbeit von Judith L. Herman, „Die Narben der Gewalt“(die Originalausgabe erschien 1992 in New York), dar. In den folgenden 25 Jahren ist eine sehr große Zahl an wichtigen Arbeiten über die Phänomenologie psychischer Traumatisierungen, deren Folgen und Behandlung erschienen (z.B. von Bessel van der KolkOnna van der HartEllert NijenhuisMichaela HuberLuise ReddemannAndreas MaerckerGottfried Fischer). Zahlreiche traumafolgenspezifische Therapieansätze wurden entwickelt und werden in Fort- und Ausbildungen vermittelt.

Ein ganz zentraler Punkt ist die Verbindung von Neurowissenschaften und Psychotraumatologie, wie sie sich ebenfalls ungefähr seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer stärker weiterentwickelt hat. Heute kann man sagen, dass neurobiologische Erklärungsmodelle zum Standard in der Theorie psychischer Traumata wie in der Praxis der psychotherapeutischen Behandlung von Traumafolgen gehören.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich an dieser Stelle einen frühen Pionier der bis heute gültigen Phasenprinzipien in der Traumafolgentherapie, Pierre Janet (1859 – 1947). Eine Würdigung seiner Arbeit finden Sie hier.


Traumapädagogik

In der pädagogischen Praxis begann man sich seit Mitte der 1990er Jahre immer stärker mit allen Formen von Gewalt gegen Kinder auseinanderzusetzen. Ungefähr in den letzten zehn Jahren entstanden spezielle traumapädagogische Ansätze und Modelle (s. hierzu das „Handbuch der Traumapädagogik“, herausgegeben von Wilma Weiß et al., 2016). Dabei werden wichtige Modelle aus der Psychotherapie psychischer Traumatisierungen übernommen und den spezifischen Anforderungen der pädagogischen Praxis (z.B. in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe) angepasst, wie z.B. der „Sichere Ort“. So entstanden u.a. als wichtige Konzepte die „Pädagogik des sicheren Ortes“ und die „Pädagogik der Selbstbemächtigung“.


Trauma und Theologie

So nimmt es nicht wunder, dass auch in Theologie und Seelsorge die Kategorie Trauma Einzug hielt. Zunächst waren es vor allem Arbeiten im englischsprachigen Raum, die versuchten im Rahmen einer psychologischen Exegese biblischer Texte (bahnbrechend sei hier das vierbändige Werk „Psychology and the Bible“, herausgegeben von Harold J. Ellens und Wayne G. Rollins, 2004, genannt) diese psychotraumatologisch zu deuten. Nach und nach befassten sich auch deutschsprachige Theologinnen und Theologen mit diesem Thema. So finden sich z. B. in den Arbeiten der sog. „Heidelberger Psychologie des Urchristentums“ (Gerd Theißen, Martin Leiner, Pieter Craffert u.a.), Ansätze einer traumasensiblen Exegese, aber auch in Aufsätzen u.a. von Frank Crüsemann (2004), Renate Jost (2004) und Ulrike Bail (2006) werden biblische Texte nicht nur als Beschreibungen traumatischer Erfahrungen gedeutet, sondern es finden sich in diesen Texten auch Ansätze möglicher Heilungswege.

Die Arbeit von Ruth Poser über das Ezechielbuch („Das Ezechielbuch als Traumaliteratur“, 2012) markiert insofern einen Meilenstein in der Verbindung von Trauma und Exegese (bzw. Theologie und Seelsorge), als die Autorin m.W. erstmals ein ganzes biblisches Buch psychotraumatologisch deutet.


Trauma und Spiritualität

2014 erschien mein Buch „Der Emmaus Weg“ über die sog. „Emmauserzählung“ im Lukasevangelium (Lukas 24,13-35), das den Versuch darstellt, auf der Basis einer ausführlichen pychotraumatologischen Deutung eines biblischen Textes einen eigenen Ansatz einer „Spirituellen Traumafolgen-Therapie“, das „Emmaus-Weg-Modell“, zu entwickeln. Sie knüpft an die wichtigen Arbeiten von Ursula Gast (et al.) und Klaus Onnasch an.

Eine solche Verbindung von Spiritualität und Psychotherapie (s. u.a. die Arbeiten von Michael Utsch, bes. „Psychotherapie und Spiritualität“, 2014) bzw. speziell Traumafolgen-Therapie ist noch relativ neu und wird erst langsam auch in Fachkreisen als eine durchaus sinnvolle und Heilungsprozesse fördernde Verbindung anerkannt. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass der Mediziner und Psychiater Karl-Klaus Madert bereits 2007 sein Buch „Trauma und Spiritualität“vorlegte, eine spannende Verbindung von Trauma, Neurobiologie, Quantenphysik und eben Spiritualität.


Trauma und Seelsorge

Eine wichtige Arbeit zum Thema Trauma und Theologie legte 2012 Kristina Augst („Auf dem Weg zu einer traumagerechten Theologie“) vor. Aus einer Analyse der Trauma-Konzepte von Gottfried Fischer, Luise Reddemann und Michaela Huber entwickelt sie die Grundzüge einer traumazentrierten Theologie, die man sicherlich als eine wichtige Basis für traumazentrierte Seelsorgemodelle bezeichnen kann.

In den letzten Jahren erschienen einige Aufsätze zum Thema „Trauma und Seelsorge“ (s. u. Literaturhinweise, einen eigenen Aufsatz zum Thema finden Sie hier), die alle eines deutlich machen: Die seelsorgliche Begleitung traumatisierter Menschen erfordert einen besonderen, sich von herkömmlichen Seelsorgemodellen unterscheidenden Ansatz.Traumazentrierte bzw. traumsensible Seelsorge weiß um die Besonderheiten im körperlichen Erleben, Fühlen, Denken und Handeln traumatisierter Menschen als Folge einer ganz besonderen durch die traumatische Erfahrung geprägten inneren Dynamik und wie damit adäquat seelsorglich umzugehen ist.

Einsichten aus der entsprechenden Literatur und eigene Forschungen lassen sich in drei Grundthesen zur Besonderheit einer „Traumafolgen-Pastoral“ formulieren.

These 1:

Traumafolgen-Pastoral ist anders als herkömmliche Pastoral aufgrund der besonderen Phänomenologie psychischer Traumatisierungen und ihrer Folgen: aktiver strukturierend; in Zeit und Raum verortend und auf Schutz und Sicherheit achtend; psychoedukativ, emotionskontrollierend und verhaltensorientiert; stabilisierend; stark ressourcenfokussiert; bindungs- und beziehungsachtsam.

These 2:

Traumafolgen-Pastoral ist der Stabilisierungsphase/Stabilisierungsarbeit zuzuordnen. Sie ist klar von einer Psychotherapie zu unterscheiden, die sie im besten Fall (spirituell) begleitet/flankiert oder Wege dahin eröffnet (wenn nötig).

These 3:

Traumafolgen-Pastoral bedeutet eine Anwendung von eigenen inneren spirituellen Ressourcen der traumatisierten Menschen und von „Schätzen“  und Ressourcen aus der biblischen und kirchlichen Tradition.


Literaturauswahl zu Trauma und Seelsorge

Aigner, Maria Elisabeth: Leben nach der Katastrophe, in: Stimmen der Zeit 10/2013, 671-680

Haupt-Scherer, Sabine/Scherer, Uwe: Einen Schritt voran folgen, in: Wege zum Menschen, 63. Jg. (2011), 561–571

Kerstner Erika et al., Damit der Boden wieder trägt, Ostfildern 2016

Lammer, Kerstin: Seelsorge nach traumatischen Ereignissen, in: Deutsches Pfarrerblatt 4/2009