Traumafolgen-Therapie

Die folgenden Gedanken stellen eine sehr kurze Übersicht über mein Modell einer Spirituellen Traumafolgen-Therapie dar. Eine ausführliche Darstellung findet sich in Kapitel 3 (insbes. S. 237 und S. 272-303) und Kapitel 5 (S. 371-411) von Der Emmaus-Weg.

Das Phasen-Modell nach Horowitz

Der natürliche Verlauf einer traumatischen Erfahrung und deren heilsamer Verarbeitung lässt sich mit einem Modell von Mardi J. Horowitz in fünf Phasen einteilen:
1. [P]eri-traumatische Expositionsphase (phase of outcry)
2. Verleugnungsphase (bzw. –zustand) (phase of denial)
3. Eindringen von Gedanken und Erinnerungsbildern (Intrusionen) (phase of intrusion)
4. Durcharbeiten (phase of working through)
5. Relativer Abschluss (completion).

Kriterium einer heilsamen Verarbeitung „ist die Fähigkeit, die traumatische Situation in ihren wichtigsten Bestandteilen erinnern zu können, ohne zwanghaft daran denken zu müssen“ (Horowitz). Diese Phasen stellen keine starre Chronologie dar, sondern greifen ineinander und können z. T. mehrfach durchlaufen werden.

Ein Allgemeines Modell von Traumafolgen-Therapie

In dem von mir in Der Emmaus-Weg formulierten Allgemeinen Konzept von Traumafolgen-Therapie (auf der Basis eines Allgemeinen Konzeptes von Psychotherapie) wird Traumafolgen-Therapie als eine Expositionstherapie in einem sicheren therapeutischen Setting verstanden („Destabilisierung im Kontext von Stabilität“ [Flatten]) im Sinne eines (spirituellen)Integralen Informationsverarbeitungs- und Rekonstruktionsprozesses (basierend auf den beiden Grundparadigmen, s. Trauma). In diesem Prozess geht es darum, zersplitterte Erinnerungen, fragmentierte Bedeutungen, zerstörte Kontexte von Sinnhaftigkeit und erschütterte spirituelle Resonanzmuster  der Re-Konstruktionen von Selbst und Wirklichkeit vor dem Trauma herauszuarbeiten und zu bearbeiten durch „Interpretation und Reinterpretation des Unfassbaren“ (Wirtz). Dieser (Heilungs-)Prozess – verstanden als eine „spirituelle Reise“ (Wirtz) – entfaltet sich in drei Phasen (im Sinne von Grundprinzipien) zur Überwindung der antithetischen Dialektik einer traumatischen Erfahrung:
1. Wunde
2. Wandlung
3. Neuwerdung

Unabdingbare Voraussetzung für mögliche Veränderungsprozesse in einem Heilungsprozess ist die gleichzeitige Aktivierung des impliziten und expliziten psychischen Funktionsmodus, d. h. die Prozesse laufen sowohl ohne als auch mit sie begleitendem Bewusstsein ab (im Sinne eines Bewusstseinskontinuums, Fuchs). Denn Veränderung (bis hinein in die neuronalen Strukturen) geschieht nur durch Erfahrung, wirksame Psychotherapie ist immer verkörperte, leibhaftige (embodied) und erfahrungsorientierte ganzheitliche Psychotherapie, die sich primär in inner- und außertherapeutischen Beziehungen als wichtigstem Wirkfaktor realisiert (s. hierzu Grawe und Utsch/Hubble)

Versteht man Traumafolgen-Therapie als synergetisches Prozessmanagement (nach Schiepek) kann man analog zu den obigen drei Phasen die folgenden drei Speziellen Generischen Prinzipien formulieren:
1. Herstellen von Sicherheit und Stabilisierung
2. Traumabearbeitung und Trauma-Integration
3. Trauma-Synthese und neue Re-Konstruktionen von Selbst und Wirklichkeit.

Konkrete Einzelaspekte der Psychotherapie von Traumafolgen fasse ich unter die fünf  Generischen Dimensionen:
1. Traumafolgen-Therapie als phasenorientierter Prozess
2. Traumafolgen-Therapie als ressourcenorientierter Prozess
3. Traumafolgen-Therapie als affekt- und emotionsregulatorischer Prozess
4. Traumafolgen-Therapie als narrativer Prozess
5. Traumafolgen-Therapie als imaginativer und bilateraler Prozess


Literatur

Grawe, Klaus: Neuropsychotherapie, Göttingen et al. 2004

Flatten, Guido: Posttraumatische Belastungsreaktionen aus neurobiologischer und synergetischer Perspektive, in: Günter Schiepek (Hrsg.), Neurobiologie der Psychotherapie, Stuttgart 2003, S. 404–422

Fuchs, Thomas: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, Stuttgart 32010

Hubble, Mark A./Duncan, Barry L./Miller, Scott D. (Hrsg.): So wirkt Psychotherapie. Empirische Ergebnisse und praktische Folgerungen, Dortmund 2001

Schiepek, Günter: Psychotherapie als evidenzbasiertes Prozessmanagement. Ein Beitrag zur Professionalisierung jenseits des Standardmodells, in: Nervenheilkunde Vol. 27, Heft 12 2008, S. 1138 – 1146

Utsch, Michael: Spiritualität – Chance oder Risiko für seelische Gesundheit (2002)

Wirtz, Ursula: Die spirituelle Dimension der Traumatherapie, in: Joachim Galuska (Hrsg.), Den Horizont erweitern. Die transpersonale Dimension in der Psychotherapie, Berlin 2003, S. 136-153